Was sind Digital Humanities? Definitionsfragen und Praxisbeispiele aus der Geschichtswissenschaft

14578927449_aa0a93e58f_k„Why can a computer do so little?“, so lautete 1976 die auf den ersten Blick überraschende Frage von Roberto Busa, den man gemeinhin als den Vater der Digital Humanities bezeichnet[1]. Tatsächlich steckt in diesem Satz eine der grundsätzlichen und bis heute gültigen Fragestellungen bezüglich des Einsatzes von Computern und digitalen Methoden in den Geisteswissenschaften: Geht es darum, effizienter zu sein, menschliche Arbeit zu vereinfachen und Arbeitskraft zu sparen? Oder können Computer uns dabei helfen, neue wissenschaftliche Fragestellungen zu generieren und alte Fragestellungen systematischer, tiefer und besser zu beantworten? Ist auch letzteres der Fall – und davon soll hier ausgegangen werden – dann muss man, mit Willard McCarty, die Frage weitertreiben und nicht nur fragen, warum Computer so wenig können, sondern überlegen, warum Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler so wenig mit Computern machen[2]. Und: woher wissen wir eigentlich, dass es tatsächlich so wenig ist? Und weiter: Wenn es nicht so wenig ist oder mehr sein könnte, warum machen wir es dann so?[3]

Die Debatten um die Digital Humanities oder Humanities Computing wie sie bis ca. zum Jahr 2000 hießen, sind zahlreich und gehen mehrere Jahrzehnte zurück.

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Quelle: http://dhdhi.hypotheses.org/2642

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Bericht: Eine Ausstellung zu Provenienzforschung in Köln


Ausstellungsrezension: Provenienz – Macht – Geschichte 

Das doppeldeutige Wortspiel dieses Titels stammt vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum, das derzeit (noch bis zum 31. Januar 2016) eine Ausstellung zum Thema zeigt und außerdem eine gleichnamige Konferenz organisiert hat (siehe unten). In beidem geht es um die am Haus durchgeführte Provenienzforschung zu deutschen Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, die zwischen 1933 und 1945 – also während der Zeit des Nationalsozialismus – erworben wurden.

Das WRM spricht sicherlich bewusst von „Einblick“, „ersten Ergebnissen“ und „ausgewählten Beispielen“ (siehe Ausstellungsflyer), denn die Ausstellung ist sehr übersichtlich: in einem einzelnen kleinen Nebenraum, versteckt im zweiten Stock, präsentiert das Museum die Ergebnisse der Recherche zur Provenienz von insgesamt 13 Zeichnungen. Optisch ist das zunächst eher konservativ gestaltet: die Zeichnungen finden sich reihum an der Wand, darunter stehen die zugehörigen Pultvitrinen mit ausgewählten historischen Quellen zur Herkunft und Geschichte (wie zum Beispiel Inventarbüchern, Fotos, Notizen, Karteikarten, veröffentlichten Katalogen etc.). Jedes Werk ist nach einem vom Zentrum für Deutsche Kulturgutverluste etablierten Ampelsystem gekennzeichnet (von „grün = unbedenklich“ über gelb und orange zu „rot = eindeutig belastet”), so dass der Besucher schnell erfassen kann, wie problematisch die Provenienz der einzelnen Zeichnungen einzuschätzen ist. In der Mitte des Raumes befindet sich dann zusätzlich eine Installation, durch die die historische Quellenforschung erleb- und erfahrbar gemacht werden soll: an einem Tisch findet der Besucher einen Arbeitsplatz und einen großen Karteikasten, in dem anhand einer Zeichnung von Adolph Menzel („Blick über die Dächer von Schandau“, 1886) der lange und bürokratische Weg von Provenienzforschung aufgezeigt werden soll.

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Quelle: http://sensmus.hypotheses.org/191

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Ein kleiner Test: Tools zum Erstellen von Schaubildern

 Ein Gastbeitrag von Anne Gisch

In diesem Beitrag möchte ich kurz drei Programme zum Erstellen von Schaubildern und Infografiken vergleichen: die beiden Browsertools easel.ly und piktochart sowie einen Klassiker der Flussdiagramme, Microsoft Visio.

Testaufgabe war das Erstellen eines Schaubilds zu einem einfachen Publikationszyklusnach dieser Vorlage. Es wurde also die Anforderung an die drei Programme gestellt, eine konkrete Vorstellung umzusetzen.

 

1. easel.

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Quelle: https://dhdhi.hypotheses.org/2599

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Ein kleiner Test: Tools zum Erstellen von Schaubildern

 Ein Gastbeitrag von Anne Gisch

In diesem Beitrag möchte ich kurz drei Programme zum Erstellen von Schaubildern und Infografiken vergleichen: die beiden Browsertools easel.ly und piktochart sowie einen Klassiker der Flussdiagramme, Microsoft Visio.

Testaufgabe war das Erstellen eines Schaubilds zu einem einfachen Publikationszyklusnach dieser Vorlage. Es wurde also die Anforderung an die drei Programme gestellt, eine konkrete Vorstellung umzusetzen.

 

1. easel.

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Quelle: https://dhdhi.hypotheses.org/2599

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„Mythos“ und „Macht der Bilder“ – Franz Josef Strauß zum 100. Geburtstag: Besprechung des Vortrags von Werner K. Blessing am 4.5.2015 und der Kabinettausstellung im Stadtmuseum München (24.4.-2.8.2015)

Franz Josef Strauß als altersmilder Greis – schwerlich kann man sich den 1988 verstorbenen bayerischen Ministerpräsidenten so vorstellen. Und doch wäre der temperamentvolle „Herrscher und Rebell“ – so der Untertitel von Horst Möllers in diesen Tagen erschienenen 853-seitigen Strauß-Biografie1 – heuer 100 Jahre alt geworden. Die Hanns-Seidel-Stiftung nimmt das zum Anlass, dem langjährigen CSU-Vorsitzenden mit einem umfassenden Festprogramm zu gedenken.2

Zum Auftakt der Vortragsveranstaltungen sprach am 4. Mai im Münchner Konferenzsaal der christsozialen Stiftung der emeritierte Erlanger Neuzeithistoriker Werner K. Blessing. Seinem Referatsthema „Mythos Strauß“ näherte sich die Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Ursula Männle, in ihrer Einleitung begrifflich an. Mythen seien demzufolge als Erzählungen ein fester Bestandteil der kollektiven Erinnerung. Bezogen auf eine Person entstehe ein Mythos als „Produkt großer öffentlicher Ausstrahlung“, wie das etwa bei Stars oder Kultfiguren feststellbar sei.

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Quelle: http://histbav.hypotheses.org/3987

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Auf der Jagd nach den Schätzen Giuseppe Verdis

Sankt Agata

Villa Verdi Sankt Agata

“Verdi, der verborgene Schatz. Wir haben sie entdeckt, die Liste seiner Blätter: 5.000 Seiten, auf die nicht zugegriffen werden kann!” Mit dieser Schlagzeile seiner neuen Augabe (Nr. 193, Juni 2015) macht das italienische Musikmagazin “Classic Voice” auf sich aufmerksam und wem es gelingt, sich in einer für Italien so typischen ‘Edicola’ noch ein Exemplar zu ergattern, der kann darin die Dokumentation des (vermeintlichen) Sensationsfundes von Mauro Balestrazzi bestaunen: Handschriftliche Musik, Skizzen, Entwürfe, die nahezu ein halbes Jahrhundert des Schaffens des bedeutenden Komponisten Giuseppe Verdi widerspiegeln, gut bewacht von den Erben in dessen Villa Sankt Agata bei Busseto (nahe der Stadt Parma), unzugänglich, der Forschung nur in kleinen Teilen bekannt, von einer wissenschaftlichen Auswertung ganz zu schweigen. Allein zur Oper “Falstaff” habe man 900 Skizzenseiten gezählt. Sankt Agata und alles was darinnen ist, also auch die wertvolle unveröffentlichte handschriftliche Musik, ist Eigentum der Erben des Maestro und ist gemäß dessen Verfügung bis heute dort verblieben, dort beziehungsweise, wie Angiolo Carrara Verdi, der Drittgeborene der aktuellen Erbengeneration, dem Magazin versichert, “an sicherem Ort”. Dass solcherart Preziosen noch immer einer intensiven wissenschaftlichen Ergründung harren, wurde im Rahmen der Enthüllungen von “Classic voice” und bereits als Resonanz auf diese als anormal und nicht nachvollziehbar bezeichnet. So stellte Fabrizio Della Seta, einer der Wortführer der internationalen Verdi-Forschung und nicht zuletzt durch seine Edition der Oper “Traviata” in der amerikanisch-italienischen Ausgabe der Verdi’schen Opera omnia besonders ausgewiesen, in einem Interview mit “AdnKronos” (Rom) fest: “Das ist eine seit Jahrzehnten offene Situation, die die Herstellung einer kritischen Edition der Werke des Maestro unmöglich macht.

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Quelle: http://musicaroma.hypotheses.org/340

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Ergebnisse der Twitter-Umfrage: “Experimente in den Digital Humanities sind für mich …”

dhiha6Im Vorfeld der Tagung “Experimente in den Digital Humanities” haben wir eine Reihe von Personen per Twitter gebeten, den Satz “Experimente in den Digital Humanities sind für mich …” zu vervollständigen. Viele haben geantwortet, wobei die Antworten sehr unterschiedlich ausfielen. Insgesamt unterstreichen alle die Wichtigkeit von Experimenten für die Digital Humanities. Aber während diese Praktik für einige völliges Neuland darstellt, ist sie für andere schon selbstverständlich. Dank der Twitter-Umfrage wird die Bandbreite der Thematik deutlich, was wiederum hilft, die Experimente während der Tagung differenzierter zu betrachten.

 

Quelle: http://dhdhi.hypotheses.org/2529

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Tagungsbericht und Ausstellungsbesprechung: „Napoleon und Bayern“ – die Bayerische Landesausstellung in Ingolstadt und der Tag der bayerischen Landesgeschichte am 12.5.2015

„Bayern und Napoleon“ lautete das Thema des 9. Tages der bayerischen Landesgeschichte, den der Verband der bayerischen Geschichtsvereine in Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Zentrum, der Bayerischen Museumsakademie und dem Haus der Bayerischen Geschichte am 12. Mai 2015 in Ingolstadt veranstaltete. Wie in den Jahren zuvor gab auch diesmal die Landesausstellung das Thema des Tages vor – heuer ist eine Schau über „Napoleon und Bayern“ in den Räumen des Bayerischen Armeemuseum im Ingolstädter Neuen Schloss zu sehen. Bei der Eröffnung des Landesgeschichtstags, der sich nicht nur an Mitglieder der Geschichtsvereine richtet, sondern ebenso an interessierte Studierende, Lehrkräfte, Museumsmitarbeiter, Archivare und Wissenschaftler, begrüßte der Vorsitzende des Geschichtsvereinsverbandes, Manfred Treml, die rund 200 Besuchern und wies darauf hin, dass die Veranstaltung insbesondere als Lehrerfortbildung mittlerweile viel Zuspruch erfahre.

Einen Überblick über die Konzeption von „Napoleon und Bayern“ gab Projektleiterin MARGOT HAMM vom Haus der Bayerischen Geschichte. Ihr zufolge ist es ein Kernanliegen der Landesausstellung, dass der Betrachter „sich in die Geschichte hineinversetzen, selbst noch einmal teilnehmen“ könne. Am deutlichsten spürbar wird diese Intention sicherlich bei der multimedialen Rauminszenierung zur Schlacht von Eggmühl 1809: Beamer projizieren auf zwei im rechten Winkel stehende Wandflächen wechselnde Gemäldeszenen zu der Schlacht, akustisch untermalt von reinszeniertem Kriegslärm; dazu ist der Betrachter im Halbdunkel von einer großen Kanone und anderen militärhistorischen Ausstellungsstücken umgeben.



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Quelle: http://histbav.hypotheses.org/3920

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Blog carnival: Experiments in Digital Humanities #dhiha6

2679496291_9461f9c5e4_zCall for blog posts as part of the conference #dhiha6 – “Experiments in Digital Humanities”

On June 12th 2015 the 6th Digital Humanities conference will be held in Paris. The event is organized by the German Historical Institute, the Cléo, the Paris Institute for Advanced Studies and European Science Foundation and the day will revolve around thethe theme of “experiments”. It will be an opportunity to test research practices and question the “scientific” approach of the Human and Social Sciences favored by the development of Digital Humanities.
In the course of this new edition the organizers call for blog posts on the topic of “Experiments in Digital Humanities.”

Thus, four research practices will be explored:

  1. The classical Call for Papers or Articles becomes a Call for Blog Posts.
  2. These posts will then be submitted to the Open Peer Review Process (OPR), an as of yet largely untested process which must be developedfurther.poorly exploited process and on which the changes are to be made.
  3. The “OPR-Sprint”, an Open Peer Review which is to take place over just a  few hours over the course of the symposium and which aims to test the online publishing of blog posts and the integration of comments.
  4. The publication of notes and “conference proceedings” online, following the OPR and  the integration of comments by the authors.

A list of potential topics is proposed here, though it is not exhaustive:

  • Laboratories and experimentation in SSH
  • Developing intellectual issues through experiments
  • Interpretation as an experiment
  • The value of failure in Science
  • Collaborative experiments: Citizen Science, crowdsourcing
  • Data-Experiments and Visualization
  • Research infrastructure as a space for experiments
  • Interdisciplinary experiments
  • Protocoling experiments in SSH
  • Teaching experiments in SSH

Posts are expected between April 20 and May 31st 2015 and they can be written in French, German or English. Please, use the hashtag #dhiha6 and post your article in the comments sections of this post. Please send it also to the following address: sdumouchel [at] dhi-paris.fr

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image credits: Streichholz? by kari_bum, licece: CC BY-NC 2.0

Quelle: http://dhdhi.hypotheses.org/2416

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Inschrift – Handschrift – Buchdruck. Medien der Schriftkultur im späten Mittelalter


Bericht über den interdisziplinären Sommerkurs am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald (21.-27. September 2014)

Uppe · nye(n) · ia//res · aue(n)/de · des · leste(n) · daghes · des · iars/

der · bord · (christ)i · M · cd · lxii · wart · sla/ghe(n) · her · hinrik rubenow ·

doctor · in · / beide(n) · regte(n) · v(n)de · borgh(er)meister · hyr

Foto: Falk Eisermann

Transkriptionsübung am Rubenowstein (St. Marien, Greifswald). Foto: Falk Eisermann

Wow – heute hat der Sommerkurs erst begonnen und schon ist die erste Inschrift entziffert und richtlinienkonform transkribiert! Wir sind in der St. Marien-Kirche in Greifswald. Uns fröstelt, das trübe Wetter lässt wenig Licht in den sakralen Raum. Bewaffnet mit einer Taschenlampe, einer Anleitung zur Transkription von Inschriftentexten und Schreibmaterial stehen wir als Kleingruppe im Halbdunkel vor dem Rubenowstein von 1463.1 Es gilt, seine Inschrift zu entschlüsseln – und erstaunlicherweise gelingt es, gerade in der Gruppe und mit konstruktiver Diskussion über Buchstaben, Kürzungszeichen und Textverlust.

Schon jetzt fühle ich mich wie eine Entdeckerin und dieses Gefühl hat den ganzen Kurs hindurch getragen, besonders aufgrund einer wunderbaren fachlichen Leitung, einer bereichernden interdisziplinär ausgerichteten Teilnehmergruppe und anschaulichen Praxisphasen wie der gerade skizzierten.

21 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus den unterschiedlichsten mediävistischen Disziplinen von der Kunstgeschichte über die Philosophie bis hin zur Musikwissenschaft oder der Mathematik hatten im September 2014 die Chance, spätmittelalterliche Inschriften, Handschriften und Inkunabeln in Theorie und Praxis genauer in den Blick zu nehmen.

Unter der engagierten Leitung von Dr. Christine Magin (Die deutschen Inschriften des Mittelalters und der frühen Neuzeit, Arbeitsstelle Greifswald), die kräftig von ihren studentischen Hilfskräften unterstützt wurde, führten die Experten in ihren jeweiligen Fachgebieten die Teilnehmenden an ihre schriftlichen Medien heran. Für die Theoriephasen, den öffentlichen Abendvortrag und den Workshop stellte das Alfried Krupp Wissenschaftskolleg in Greifswald seine Räumlichkeiten und seine gute Küche zur Verfügung. Auch weitere Teile der Organisation und der Finanzierung wie der Transfer nach Rostock, die Unterkunft in einem Studierendenwohnheim oder das opulente Abschiedsessen wurde von der wissenschaftlich unabhängigen Einrichtung übernommen. Es darf durchaus als bemerkenswert erachtet werden, dass die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung Essen, aber auch die Sparkasse Vorpommern und die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald e.V. die Kosten dieses erlebnisreichen Sommerkurses getragen haben, so dass eine Teilnahme für keinen Stipendiaten zu einer Frage des privaten Budgets wurde.

Doch nun zum Inhaltlichen: Inschrift – Handschrift – Buchdruck. Begibt man sich im Frühjahr auf die Suche nach Sommerkursen, nimmt man in den letzten Jahren ein vermehrtes Angebot und Interesse wahr, in die Arbeit mit Handschriften oder Urkunden sowohl paläographisch als auch kodikologisch einzuführen.2 Eine breite Mischung aus den verschiedenen Formen schriftlicher Überlieferung, wie sie der Greifswalder Sommerkurs anbot, ist deshalb neu und vielversprechend. So führt gerade die mittelalterliche Epigraphik, ähnlich wie andere Hilfswissenschaften auch, an so mancher deutschen Universität ein echtes Schattendasein. Ähnliches gilt für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Wiegendrucken.

Das Programm war entsprechend der Auseinandersetzung mit drei verschiedenen Schriftmedien dicht gedrängt, aber für die zur Verfügung stehende Zeit gelungen:

  • Sonntag, 21.9.:          Anreise, Begrüßung und Abendessen
  • Montag, 22.9.:          Inschriften
  • Dienstag, 23.9.:        Handschriften, Abendvortrag
  • Mittwoch, 24.9.:       Inkunabeln
  • Donnerstag, 25.9.:   Exkursion nach Rostock (Inschriften, Handschriften, Inkunabeln)
  • Freitag, 26.9.:           Workshop, gemeinsames Abschiedsessen
  • Samstag, 27.9.:         Zusammenfassung und Evaluation

Eine ausgewogene Mischung aller drei Schriftkulturen wurde dadurch erreicht, dass von den drei Arbeitstagen jeweils ein Tag pro Medium reserviert war. Eine theoretische Einführung am Vormittag wurde am Nachmittag durch einen Praxisteil vertieft, problematisiert und abgerundet. Am vierten Tag konnte man im Rahmen einer Exkursion nach Rostock das gesammelte Wissen an dortigen Handschriften, Inkunabeln und Inschriften erproben. Die Sommerschule wurde am vorletzten Tag ergänzt um einen Workshop, der neun Teilnehmenden als Nachwuchswissenschaftler/innen die Möglichkeit bot, ihre eigenen Forschungsprojekte vorzustellen und zu diskutieren. Alle anderen Teilnehmenden hatten unterdessen während der vier Theorie- und Praxistage Referate übernommen. Der letzte Tag diente schließlich dem Abschluss der Sommerschule und einer ausführlichen Auswertung.

Montag, 22. September 2014: Inschriften

Die Arbeitswoche begann, nach einem gelungenen Start am Vorabend bei einem gemeinsamen Kennenlernen in ungezwungener Atmosphäre, mit einer theoretischen Einführung in die spätmittelalterliche Epigraphik. Diese übernahm Dr. Jan Ilas Bartusch von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Neben der Organisation und der Arbeitsweise der DI,3 wies er darauf hin, wie schwierig eine eindeutige Definition für Inschriften zu geben ist,4 genauso wie eine klare Einteilung von Inschriften problematisch sein kann. Konkret wurde es bei der Vorstellung von Inschriftenträgern (Grabmäler mit Bezug zur Grabstätte, Grabmäler zur Memoria aber auch Glocken), der Fertigungsmethode (vertieft oder erhaben geschlagene Buchstaben u.v.m.), der Form bzw. Schrift und natürlich besonders des Inhalts und der Funktion von Inschriften. Den beschränkten Platz nutzte man ähnlich wie bei den Handschriften auch durch die Einführung von Kürzungssystemen, deren Grundlagen wir für den Nachmittag und den Praxisteil brauchen würden. Ebenso erhielten wir eine Einführung in die Wiedergabe der Inschriftentexte nach den Standards der DI.

Derart gut gerüstet arbeiteten wir am Nachmittag an den Inschriften der Kirchen St. Marien und St. Nikolai in Greifwald. Unterstützt wurden wir dabei von Dr. Christine Magin und Jürgen Herold, die beide in der Inschriftenstelle in Greifswald arbeiten und die hiesigen Inschriften bearbeitet haben. Wie bereits in der Einleitung dieses Beitrages beschrieben, haben wir uns in St. Marien in Kleingruppen auf Entdeckertour begeben und einen Gedenkstein, zwei Grabplatten und eine Wandmalerei transkribiert. In St. Nikolai profitierten wir zusätzlich davon, dass viele Grabplatten im Bodenbelag der Kirche noch erhalten sind.

Foto: Gunthild Storeck

So manches Grabmal steht heute in einer Abstellkammer. Den Kopf drehen muss man zum Transkribieren einer Umschrift aber auf jeden Fall. Foto: Gunthild Storeck

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Grabplatte in St. Marien, Greifswald. Foto: Falk Eisermann

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Transkription einer Wandmalereiinschrift. Foto: Kristin Zech

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Einstimmung auf die Thematik des nächsten Tages, die Handschriften, hatten wir in St. Nikolai weiterhin die Möglichkeit, die Bibliothek des Geistlichen Ministeriums zu besichtigen und einige Schätze selbst zu begutachten. Im Bestand befinden sich 1900 Bände mit 3099 Titeln, darunter 104 Handschriftenbände, insbesondere aus den Klöstern der Dominikaner und Franziskaner. Besonders interessant war für uns der vierbändige Bibelkommentar, der von Katharina Rubenow, der Witwe des Greifwalder Bürgermeisters und Universitätsgründers Heinrich Rubenow, der uns im Gedenkstein in St. Marien bereits begegnet war, an das Schwarze Kloster der Dominikaner vermacht worden war.

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Bibliothek des Geistlichen Ministeriums. Greifswald, St. Nikolai. Foto: Kristin Zech

Dienstag, 23. September 2014: Handschriften

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Konferenzraum im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg. Foto: Jens Pickenhan

Dr. Christoph Mackert (Universitätsbibliothek Leipzig, Handschriftenzentrum) und Dr. Jürgen Geiß-Wunderlich (Staatsbibliothek zu Berlin, Abteilung Handschriften) führten im Konferenzraum des Wissenschaftskollegs an diesem Vormittag in die Handschriftenkunde ein.

Dieser Theorieteil war für eine Vielzahl, wenn auch nicht für alle Teilnehmenden eine Wiederholung oder Auffrischung, was zum einen mit dem Schwerpunkt der Forschungsinteressen vieler Teilnehmender bei den Handschriften zu tun hat, zum anderen aber auch durch die höhere Ausbildungsdichte dieser Thematik an den Hochschulen begründet sein mag. Nichtsdestotrotz war die Theorieeinheit hochkarätig besetzt. So bietet Christoph Mackert im Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek in Leipzig selbst regelmäßig Sommerkurse zum systematischen Erlernen der Handschriftenarbeit an. Jürgen Geiß-Wunderlich ist zudem ein guter Kenner der Handschriften Greifswalds, die er auch für die Manuscripta Medievalia beschrieben hat. Formate, Lagenaufbau, Beschreibstoffe, Wasserzeichenkunde, Layout und Beschriftung, Buchschmuck sowie Einbandkunde waren Themen an diesem Morgen. Auch der Einfluss des Sammelkontextes und der Besitzer auf die Herangehensweise an Handschriften wurde herausgestellt. Ebenso die Bedeutung makulierter Texte, die zumeist recycelt von Buchbindern für Spiegelbeklebungen oder Falzverstärkungen genutzt wurden.5

Am Nachmittag besuchten wir die Universitätsbibliothek in Greifswald. Hier konnten wir in einem Arbeitsraum 11 Handschriften vom 13.- 16. Jahrhundert ansehen. Es handelte sich um eine bunte Auswahl: Eine mathematische, eine philosophisch-aristotelische und eine humanistische Sammelhandschrift, ein Gebetbuch, das Weseler Stadtrecht oder auch eine Motettensammlung. Leider war eine eigenständige Arbeit an den Originalen nicht möglich, da die Auflagen der Universitätsbibliothek dies nicht zuließen – ein Wehrmutstropfen dieses Sommerkurses.

Der Abend klang aus bei einem öffentlichen Abendvortrag von Prof. Dr. Felix Heinzer (Freiburg) zum Thema „Das verlorene Paradies – Blicke auf den ‚Hortus deliciarum‘ Herrads von Hohenburg“ mit anschließendem Empfang, den das Alfried Krupp Wissenschaftskolleg ausrichtete.

Mittwoch, 24. September 2014: Buchdruck

In die Welt der Wiegendrucke (etwa 1454 bis zum 31.12.1500) entführten an diesem Vormittag Dr. Falk Eisermann und Dr. Oliver Duntze (beide Staatsbibliothek zu Berlin, Abteilung Inkunabeln). Nach eine Vorstellung des Gesamtkatalogs der Wiegendrucke6, kurz GW, der eine Bibliographie aller Druckausgaben (ca. 30.000) des 15. Jahrhunderts umfassen wird, wurde es technisch: Wir erhielten eine Einführung in Typenherstellung, Satz und Druck und konnten verschiedene Stufen der Typenherstellung durch mitgebrachtes Material noch eindrücklicher verstehen lernen. Es wurde zudem deutlich gemacht, dass Drucker, Verleger und Verkäufer in dieser frühen Phase des Buchdrucks oftmals ein und dieselbe Person waren, und beleuchtet, wie wichtig sowohl eine Anbindung an eine leistungsfähige Papiermühle wie auch an gute Abnehmer (Klöster, Schulen uvm.) war.

Im Hinblick auf eine Verbindung zu den beiden anderen Schiftkulturen war die Paläotypie noch einmal besonders spannend. Denn der Wiegendruck griff auf verschiedene mittelalterliche Schriftenarten – wie die Antiqua (besonders für antike und humanistische Literatur) oder die Bastarda (besonders für volkssprachliche Texte) mit all ihren regionalen Unterschieden – zurück.

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Arbeit an Inkunabeln in der UB Greifswald. Foto: Jens Pickenhan

Da die Hälfte aller Inkunabeln nicht firmiert ist, also keine Angaben zum Drucker und zum Druckort liefert, werden Druckereien in der sogenannten Typenbestimmung über Drucktypen ermittelt. Die Idee der Typenbestimmung systematisiert haben die Engländer Henry Bradshow und Robert Proctor im 19. Jahrhundert über eine Bestimmung der Kegelhöhe der Typen, gemessen auf jeweils 20 Zeilen. Hinzu kommt das ‚Typenrepertorium der Wiegendrucke‘ (TW) von Konrad Haebler vom Beginn des 20. Jahrhunderts, das Typen nach der Form der Majuskel M klassifiziert. Die Ermittlung über die sogenannte Proctor-Haeblersche Methode wird bis heute angewandt. Das Typenrepertorium Haeblers wird dabei laufend durch die Abteilung Inkunabeln der Staatsbibliothek zu Berlin ergänzt und in einer Datenbank aktualisiert.

Am Nachmittag ging es ans praktische Arbeiten mit Inkunabeln der UB Greifswald und des Geistlichen Ministeriums. Ein besonderer Schwerpunkt lag hier auf dem Thema „Ablass und Wiegendruck“. So stellten Ablassbriefe, aber auch ein Traktat zum Ablass für Verstorbene (Modus subveniendi defunctis in purgatorio existentibus; GW M25064), einen Gegenstand unserer Untersuchungen und unserer thematisch wie anhand des Materials motivierten Diskussionen dar.

Donnerstag, 25. September 2014: Exkursion nach Rostock

Die Exkursion nach Rostock bedeutete Praxisanwendung pur. Wir besuchten die Universitätsbibliothek Rostock, die es uns ermöglichte, endlich eigenständig mit den Handschriften und Inkunabeln zu arbeiten – was wir dankbar annahmen.

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Foto: Falk Eisermann

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Foto: Jens Pickenhan

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag erkundeten wir das Kloster zum Heiligen Kreuz mit seiner Kirche sowie die Kirche St. Marien. Überall stießen wir auf Inschriften, auch der besonderen Art, so in einem Altarbild, auf einem Taufbecken oder als Ablassinschrift außen an der Kirche (St. Marien).

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Kirche des Klosters zum Heiligen Kreuz, Altarbild. Foto: Kristin Zech.

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Foto: Jens Pickenhan

 

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St. Marien, Rostock, Taufbecken. Foto: Falk Eisermann

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St. Marien, Rostock, Ablassinschrift außen. Foto: Falk Eisermann.

 

Insgesamt war die Exkursion nach Rostock ein rundum gelungener Abschluss des inhaltlichen Teils samt vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des an den Tagen zuvor Erlernten.


Freitag, 26. September 2014: Workshop

Der Workshoptag stand ganz im Zeichen der Forschung einzelner Teilnehmender:

Christina Henss (Zürich): Wahrnehmung und Darstellung nichtchristlicher Räume in Mandevilles Reisen

Hanna Schäfer (Trier): Das Journal des Jean Aubrion und dessen Fortsetzung durch Pierre Aubrion

Lisa Böttcher (Berlin): Medizin in der mittelalterlichen sächsischen Franziskanerprovinz – Exemplarische Studien zu Konventsbibliotheken und Heilkunde

Claudia Heiden (Rostock): Das Antiphonar aus dem St.-Annen-Kloster in Lübeck

Dorette Werhahn-Piorkowski (Marburg): Die päpstlichen Kanzleiregeln im frühen Buchdruck

Caren Reimann (Berlin): Italienische Buchdrucker um 1500 – Matteo Capcasa und der venezianische Frühdruck

Rostislav Tumanov (Hamburg): Das Kopenhagener Stundenbuch

Elmar Hofman (Münster): Struktur und Funktion mittelalterlicher Wappenbücher

Gunthild Storeck (Berlin): Geometrie zwischen Universität und Handwerk: Transformation mathematischen Wissens in mittelalterlicher Volumenmessung

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Foto: Falk Eisermann

Am Samstag, 27. September 2014 schließlich fanden am Vormittag der Abschluss und die Auswertung des Sommerkurses statt. Die Rückmeldungen sowohl der Teilnehmenden als auch der Organisatoren fielen sehr positiv aus. Dafür gibt es gute Gründe:

Die Zusammenführung von Inschriften, Handschriften und Inkunabeln in einem Sommerkurs ist abschließend als innovativ und durch die enge und grundlegende Verflechtung dieser Schriftquellen als überzeugend und fruchtbar zu beurteilen. Für kommende Sommerkurse dieser Art ist der einzig offen bleibende Wunsch, den drei Schriftkulturen zeitlich etwas mehr Raum zu geben.

Einen besonderen Reiz machte der Kurs gerade in der Auseinandersetzung mit den zahlreich und gut erhaltenen Originalquellen der mecklenburg-vorpommerschen Region aus. Es erlaubte vielen der Teilnehmenden den Erstkontakt mit der Ostseeregion, gerade in wissenschaftlicher Hinsicht. Die gelungene Kooperation der Inschriftenstelle in Greifswald mit dem Alfried Krupp Wissenschaftskolleg ist für zukünftige Sommerschulen daher besonders wünschenswert.

Download (im pdf/a Format)

Zitationsvorschlag: Kristin Zech: Inschrift – Handschrift – Buchdruck. Medien der Schriftkultur im späten Mittelalter. Bericht über den interdisziplinären Sommerkurs am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald (21.-27. September 2014), in: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, 10. März 2015, http://mittelalter.hypotheses.org/5435 (ISSN 2197-6120).

  1. DI 77, Greifswald, Nr. 143 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di077g014k0014300 (Aufruf vom 21.2.2015).
  2. Vgl. die entsprechenden Berichte hier auf dem Mittelalterblog.
  3. Deutsche Inschriften; ein interaktives Forschungsvorhaben, das seit den 1930er Jahren besteht: www.inschriften.net.
  4. So schreibt Rudolf M. Kloss in seiner Einführung in die Epigraphik des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Darmstadt ²1992, bei einer Inschrift könne es sich nicht um einen schriftlichen Nachlass auf dem Beschreibstoff Papier oder Pergament handeln. Bartusch wies auf die Schwierigkeit hin, dass es aber beispielweise Altarbilder mit Pergamentinschriften gebe.
  5. Oftmals handelt es sich um ein liturgisches Schrifttum. Unter www.cantusdatabase.org ist es möglich, solche Fragmente zu lokalisieren.
  6. http://www.gesamtkatalogderwiegendrucke.de/. Seit 2003 gibt es ihn online; aktueller Bearbeitungsstand: bis Buchstabe „H“.

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/5435

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