Bestandserweiterung beim Stadtarchiv Montabaur

Widmung Jakob Kneips an Landrat Heinrich Roth und seine Frau Gertrud Roth, geb. Ebert, auf einer Monographie; Foto: Hermann-Josef Roth

Belletristik, darunter verstand man bekanntlich die Lektüre und profunde Kenntnis der Literatur in gebildeten Kreisen der Gesellschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Doch auch über diese höheren Kreise hinaus erfreute sich die Lektüre von Gedichten, Theaterstücken, wie auch Sagen und Volksweisheiten, die im weitesten Sinne zur Belletristik zählen können, einst großer Beliebtheit. Nicht wenigen bereitet ebendiese Literatur auch heute noch glückliche Stunden, wie aus Vor- und Nachlässen an das Stadtarchiv Montabaur hervorgeht. Die zentralörtliche Rolle der Stadt spiegelt sich auch darin, dass bedeutende Persönlichkeiten wie Robert Pähler (1842-1925) oder Josef Kehrein (1817-1880) hier gewirkt haben.

Einzigartig ist der regionalhistorische Sammlungsbezug, denn es gibt nachweislich keine weitere geschlossene Sammlung privater Herkunft in dieser Breite mit Bezug zum Westerwald.

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Quelle: https://histrhen.landesgeschichte.eu/2026/03/bestandserweiterung-beim-stadtarchiv-montabaur/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=bestandserweiterung-beim-stadtarchiv-montabaur

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Erich Riewe (1889-1972) und Erich Riewe (1897-1929) – zwei Schaupieler im Berlin der 1920er Jahre

Im Zuge der Quellenarbeit für das Projekt “Jüdisches Sachsen-Anhalt” stieß ich während der Auswertung der Militärstammrolle der Stadt Aschersleben für 1910 auf den Eintrag eines jüdischen Schauspielers, Erich Riewe, der nur von Januar bis März 1910 in der Stadt lebte, weshalb der Aktenvorgang nach Berlin-Charlottenburg weitergegeben wurde.

Erich Riewe, 1889 in Märkisch-Friedland geboren, war vermutlich für ein Theater-Engagement zu Beginn des Jahres 1910 für einige Monate nach Aschersleben gekommen, kurz vor Antritt seines Militärdienstes, im Alter von 21 Jahren – der Beginn einer Karriere?

Beim Versuch der Rekonstruktion seiner folgenden Lebensstationen sollte sich schnell herausstellen, dass dies ein weniger einfaches Unterfangen werden sollte: Finden sich auf gängigen Plattformen wie Wikidata, der GND oder der Datenbank des Deutschen Literaturarchivs in Marbach bereits Einträge zu einem Schauspieler Erich Riewe, die nur sehr spärlich mit Informationen bestückt sind, wird aufgrund der unterschiedlichen Lebensdaten schnell klar: Im Berlin der 1920er Jahre muss es zwei Schauspieler selbigen Namens gegeben haben, die sich zur gleichen Zeit in ähnlichen Milieus bewegt haben müssen.

Weitere Recherchen in den Berliner Personenstandsregistern führten zu ersten Ergebnissen zu beiden hier untersuchten Personen: Erich Riewe, der 1910 in der Militärstammrolle gelistet war, hatte dreimal geheiratet: zunächst 1916 die Korrespondentin Martha Elisabeth Kornetzke (die Ehe wurde 1927 geschieden); fünf Monate später heiratete er bereits seine zweite Frau Klara Hermine Hedwig Fernow (verstorben 1954 an einer chronischen Lungenentzündung), und im selben Jahr seine dritte Frau Ella, geb. Dumke, mit der Riewe bis zu ihrem Tod 1970 zusammenlebte. Erich Riewe selbst starb zwei Jahre später 1972 in Berlin-Schöneberg. Sein Namensvetter Erich Max Richard Riewe wurde am 06.

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Quelle: https://blog.factgrid.de/archives/3811

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Wenn mehr als nur ein Mads Mikkelsen fehlt. ‚Adams Äpfel‘ im Schauspiel Köln

von Lena Busse Im Jahr 2005 wird der Spielfilm ‚Adams æbler‘ von dem dänischen Regisseur Anders Thomas Jensen veröffentlicht. Bereits seine vorherigen Filme, darunter ‚Blinkende lygter‘ und ‚De grønne slaktere‘, werden vielfach als Paradebeispiel für grotesken skandinavischen Humor angeführt. Aus … Weiterlesen →

Quelle: http://norroena.hypotheses.org/1079

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So ein Theater

Wer viel fotografiert und sammelt, blickt nach einiger Zeit völlig neu auf die Dinge, erkennt wiederkehrende Motive. So erging es mir mit den antiken Theatern, von denen ich während des Lehrkurses im Sommer 2014 und der Exkursion der Katholisch-Theologischen Fakultät im März 2015 einige Fotos gemacht habe. Warum mich diese Gebäude so fasziniert haben? Vielleicht, weil sich die Architektur im Prinzip in den letzten Jahrhunderten kaum verändert hat (man schaue sich nur moderne Fußballstadien an). Vielleicht, weil die Akustik dort heute noch genauso funktioniert … So ein Theater weiterlesen

Quelle: http://grammata.hypotheses.org/1442

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Historische Filmkritik: Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926)

von Anna M. Schmidt „Ich glaube mehr an Märchen als an Zeitungen!“,1 so Lotte Reiniger, die Erfinderin von „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, über den Wahrheitsgehalt von Märchenerzählungen. Für den ersten abendfüllenden deutschen Animationsfilm erweckte sie unzählige Scherenschnittfiguren zum Leben, die in einer phantasievollen Umgebung die Märchen aus Tausendundeiner Nacht aufleben lassen. Der Film, dessen Entstehung ganze drei Jahre in Anspruch nahm (1923-1926), besteht aus etwa 100.000 Einzelbildern, die in Handarbeit gefertigt und arrangiert wurden. Künstler, z.B. Paul Wegener und Walter Ruttmann, unterstützten Lotte … Historische Filmkritik: Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926) weiterlesen



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Quelle: https://beruf.hypotheses.org/266

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500 Jahre Schülertheater bei den Schotten und der Humanist Benedictus Chelidonius

Dieser Tage finden gerade wieder die jährlichen Aufführungen der Bühnenspiele am Schottengymnasium statt, gegeben wird „Der Bürger als Edelmann“ von Molière. Die Tradition dieses Schülertheaters bei den Schotten ist aber älter als die meisten vermuten würden – sogar älter als Molière! – und dieses Jahr könnte man diesbezüglich gut und gerne ein Jubiläum feiern: Die erste nachweisbare Theaterproduktion von Schottenschülern fand vor genau 500 Jahren im Jahr 1515 statt!

In Wien waren gerade die Vorbereitungen für den Wiener Fürstentag im Gange, zu dem im Juli 1515 die Jagiellonen-Brüder König Wladislaw II. von Böhmen und Ungarn und König Sigismund I. von Polen-Litauen mit Kaiser Maximilian I. zusammentreffen sollten und dessen direktes Ergebnis die Zweite habsburgische Doppelhochzeit zwischen Maximilians Enkelkindern Maria und Ferdinand auf der einen und Wladislaws Kindern Ludwig und Anna auf der anderen Seite sein sollte. Zu Ehren der zehnjährigen Erzherzogin Maria, die bereits länger in Wien weilte, und in Anwesenheit des Kardinals Matthäus Lang, der in diplomatischen Diensten Maximilians stand, führten Ende Februar 1515 die adeligen Schüler des Schottenstiftes unter der Leitung ihres Lehrers Johannes Chilimarus in einem Saal der Wiener Hofburg das burlesk-pädagogische Huldigungsspiel „Voluptatis cum virtute disceptatio“ des Benedictus Chelidonius auf.1

Das dreiaktige Fest- und Huldigungsspiel in lateinischer Sprache stellte eine Kombination der antiken Mythen von Herakles am Scheideweg und des Urteils des Paris dar und thematisierte allegorisch den Streit zwischen Tugend und Laster. Die Aufgabe des Schiedsrichters übertragen die Göttinnen Venus und Pallas darin dem jungen Herzog Karl von Burgund, dem späteren Kaiser Karl V., dem das Stück auch gewidmet war und der sich, wäre er zu diesem Zeitpunkt in Wien gewesen, vermutlich selbst hätte spielen sollen. Dargestellt wurde Karl in dieser Aufführung stattdessen vom Schottenschüler Niklas Graf zu Salm dem Jüngeren (dem Sohn des Verteidigers Wiens bei der Ersten Türkenbelagerung). Die szenische Gestaltung des Stücks hatte ihre Wurzeln in den Nürnberger Fastnachtspielen und wies durchaus auch derb-komische Elemente wie eine Prügelszene auf, was nicht verwundert, da der Autor Chelidonius aus Nürnberg stammte. Zugleich ist „Voluptatis cum virtute disceptatio“ aber auch ein Prototyp des Schulspiels, das bald einen ersten Aufschwung erleben sollte.    

Das Stück erschien im Juni 1515 auch im Druck bei Johannes Singriener, Verleger war Leonhard Alantsee.2 Leider ist diese Postinkunabel im Schottenstift aber nicht mehr vorhanden. Der dreibändige Bibliothekskatalog des Schottenstifts aus dem Jahr 1883 nennt das Werk zwar, doch ist es dort mit Bleistift gestrichen; im kurze Zeit später entstandenen zehnbändigen Katalog scheint es gar nicht mehr auf – es muss also wohl spätestens in den 1880er-Jahren verlustig gegangen sein.3

Benedictus Chelidonius: Voluptatis cum virtute disceptatio

Der Autor von „Voluptatis cum virtute disceptatio“, der Humanist Benedictus Chelidonius (eigentlich Benedikt Schwalbe), war Benediktinermönch des Nürnberger Egidienklosters, lebte aber seit 1514 im Wiener Schottenstift. Als neulateinischer Lyriker verfasste er zahlreiche Widmungsgedichte, Begleitverse und poetische Vorreden. Bemerkenswert ist seine Zusammenarbeit mit Albrecht Dürer, welcher zu drei Werken Chelidonius’ Holzschnittfolgen anfertigte – darunter auch die bekannte „Große Passion“. In Wien stand Chelidonius’ literarische Tätigkeit in enger Beziehung zum Hof. 1518 wurde er zum Abt des Schottenstifts gewählt, er verstarb aber bereits 1521 nach nur drei Jahren im Amt.4

Mehr zu Chelidonius findet sich auch im Wikipedia-Artikel „Benedictus Chelidonius“, der vor einiger Zeit sogar auf der dortigen Startseite vorgestellt wurde.

  1. Zu diesem Huldigungsspiel und seiner Inszenierung: Markus Reiterer: Die Herkulesentscheidung von Prodikos und ihre frühhumanistische Rezeption in der „Voluptatis cum Virtute disceptatio“ des Benedictus Chelidonius (ungedr. phil. Diss., Wien 1955); Margret Dietrich: Chelidonius’ Spiel: „Voluptatis cum virtute disceptatio“, Wien 1515. Versuch einer Rekonstruktion der Inszenierung, in: Maske und Kothurn 5 (1959) 44–59; Gábor Kiss Farkas: Dramen am Wiener und Ofener Hof. Benedictus Chelidonius und Bartholomeus Frankfordinus Pannonius (1515–1519), in: Maria von Ungarn (1505–1558). Eine Renaissancefürstin, hg. von Martina Fuchs und Orsolya Réthelyi (Geschichte in der Epoche Karls V. 8, Münster 2007) 293–312. — In der gedruckten Ausgabe des Schauspiels ist als Aufführungsdatum der 20. Februar 1515, der Faschingsdienstag dieses Jahres, angegeben; Reiterer vermutet jedoch schlüssig, dass die Aufführung zwischen dem 23. und 25. Februar 1515 stattgefunden haben muss (a.a.O. 42). Stephan Füssel geht von einer Aufführung am 25. Februar, dem ersten Fastensonntag, und einer absichtlichen Rückdatierung in die Faschingszeit aus (Stephan Füssel: Riccardus Bartholinus Perusinus. Humanistische Panegyrik am Hofe Kaiser Maximilians I. (Saecula spiritalia 16, Baden-Baden 1987) 120f.).
  2. Voluptatis cum Virtute disceptatio: Carolo Burgundiae duce Illustrissimo, Divique Caes. Maxaemiliani Nepote, litis diremptore aequissimo. Viennæ Pannoniae coram Maria Hungarorum Regina designata, Dominoque Mattheo S. angeli diac. Cardinali Reverendissimo recitata. A Benedicto Chelidonio Heroicis lusa versibus (Wien 1515).
  3. In Österreich findet sich der Druck scheinbar nur in drei Bibliotheken: in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, in der Universitätsbibliothek Innsbruck und in der Diözesanbibliothek St. Pölten.
  4. Zu Chelidonius: Paulus Volk: Chelidonius (Schwalbe), Benedictus, in: NDB 3 (1957) 195f.; Johannes Staub: Chelidonius (Schwalbe), Benedictus, in: LThK³ 2 (1994) 1032f.; Manfred Knedlik: Chelidonius (Schwalbe), Benedictus, in: BBKL 20 (2002) 293–296; Claudia Wiener: Chelidonius (Schwalbe; Hirundo, Musophilus), Benedictus, in: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon 1 (2008) 427–439.

Quelle: http://schotten.hypotheses.org/826

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Farben machen Leute (II): Masken auf der Bühne

Im traditionellen chinesischen Singspiel (“Oper”) erlauben die Farben der Masken Rückschlüsse auf den den einzelnen Rollen zugeschriebenen Charakter. Die folgenden Notizen geben lediglich einen ersten Überblick[1], bedürfen aber wohl noch der Ergänzung und gegebenenfalls mancher Präzisierung und Korrektur.[2].

Ist das Gesicht des Darstellers hinter einer roten Maske verborgen, so wird damit die Rolle des positiven Helden assoziiert, oft ist dies ein Hinweis auf den Kriegsgott Guandi.[3]. Die Farbe Purpur steht einerseits für Pietät, andererseits aber auch für “ruhige, loyale Beamte”.[4]

Blau kennzeichnet die Darsteller “ruchloser und verbrecherischer Personen”[5], es kann aber auch ein Gespenst symbolisieren.[6]

Ein mattes Weiß lässt auf “eine verbrecherische, gerissene, aber in angesehener Stellung befindliche Person”[7] schließen.  Die so dargestellten Charaktere gelten als besonders hinterlistig und werden als “Tofugesichter” bezeichnet – in Anspielung auf die weißgelbe Farbe, die dem “Bohnenkäse” eigen ist.[8]. Die Farbe Schwarz hingegen steht für eine “grobe, aber ehrliche Person.”[9]

Die Farbsymbolik der Masken hat auch Niederschlag in einigen Redewendungen gefunden: so bezeichnet bai bizi 白鼻子 (d. i. “weiße Nase”) eine hinterlistige Person. Ähnliche Beispiele sind chang heilian 唱黑臉 (“eine schwarze Maske tragen”, d.i. “ungeachtet der freundschaftlichen Beziehungen offen und aufrichtig reden”) und chang honglian 唱紅臉 (“eine rote Maske tragen”, d.i. “den Großzügigen und Wohlgesinnten spielen”).[10]

  1. Der Artikel “Pekingoper” des am Ostasieninstituts der Hochschule Ludwigshafen am Rhein erstellten  Ostasienlexikons fällt hinsichtlich unseres Aspekts – und auch nach Korrektur der Wortstellung – eher dürftig aus: “Ein ganz weißes Gesicht besagt, dass die Figur böse ist. Ein rotes Gesicht soll den Mut der Person hervorheben. Ein schwarzes Gesicht ist ein normales [?] Gesicht. Ein weißer Fleck auf der Nase bedeutet, dass die Person komisch ist.”
  2. Kurze Überblicke auch bei Ronald G. Knapp, Michael Freeman: Things Chinese. Antiques – crafts – collectibles (Tokyo/Rutland VT/Singapore 2011) 118 f. (‘Opera Masks’
  3. Vgl. Wolfram Eberhard: Lexikon chinesischer Symbole. Die Bildsprache der Chinesen (München, 5. Aufl. 1996) 245 (“Rot”).
  4. Ebd., 177 („Lila“ [zi 紫]).
  5. Djin Ping Meh. Schlehenblüte in goldener Vase. Ein Sittenroman aus der Ming-Zeit. Herausgegeben und eingeleitet von Herbert Franke. Bd. 6: Kommentare (Berlin/Frankfurt a. M. 1987) 141 f. (53a).
  6. Eberhard: Lexikon chinesischer Symbole, 40 („Blau“).
  7. Djin Ping Meh, Bd. 6, S. 142 (53a).
  8. Eberhard: Lexikon chinesischer Symbole, 301 („Weiß“).
  9. Djin Ping Meh, Bd. 6, S. 142 (53a).
  10. Vgl. dazu Fan Yanqian: Farbnomenklatur im Deutschen und im Chinesischen. Eine kontrastive Analyse unter psycholinguistischen, semantischen und kulturellen Aspekten (Frankfurt a. M. 1996) 262 (mit Anm. 363) und ebd. 270 Anm. 380.

Quelle: http://wenhua.hypotheses.org/1082

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Zur Geschichte der chinesischen Akrobatik

Die gesicherte Tradition der chinesischen Akrobatik (zaji 雜技, d. i. vermischte Fertigkeiten) reicht zumindest bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurück. Zu jener Zeit waren einschlägige Darbietungen und bereits fest etabliert.[1]

Im China der Han-Dynastie erfreuten sich die Herrscher und ihre Günstlinge an akrobatischen Darbietungen. Für diese varietéähnlichen Unterhaltungen gab es in der Späteren Han-Zeit (25-220 n. Chr.) bei Hof eine Gruppe von etwa 25 Künstlern, die als die “Meister der hundert Unterhaltungen” (baixi shi 百戲師) bezeichnet wurden.[2] Der Gelehrte Zhang Heng 张衡 (78-139 n. Chr.) lieferte in seiner Xijing fu 西京賦 (“Ode (fu) über die westliche Hauptstadt”) eine Beschreibung dieser Kunst.[3]

Besonders aufwändige Vorstellungen müssen zur Zeit der Sui-Dynastie in der damaligen Hauptstadt Chang’an 長安 veranstaltet worden sein. Kaiser Yangdi (reg. 607-617) wollte den Gästen seiner festlichen Frühjahrsbankette eine besondere Unterhaltung bieten. In den Jahren zwischen 610 und 616 kamen jeweils rund 30000 Akrobaten aus dem ganzen Reich für diesen etwa zweiwöchigen Auftritt in die Hauptstadt.[4]

Auch in der auf die Sui folgenden Tang-Dynastie (618-906) konnten sich die Akrobaten der kaiserlichen Gunst sicher ein. Selbst bei Hof wurde ihre Ausbildung organisiert: Akrobaten, Musiker und Tänzer sollten für Veranstaltungen trainiert werden, bei denen bis zu zwölf verschiedene Kunststücke präsentiert werden sollten.[5]

In der Song-Dynastie (960-1279) endete auch die kaiserliche Patronage für die Akrobaten. Die Begeisterung der Bevölkerung blieb allerdings ungebrochen. So ist es wenig verwunderlich, dass sich im Laufe der Zeit auch Scharlatane unter die Künstler mischten.[6]

Zu den bekanntesten und spektakulärsten Formen traditioneller chinesischer Akrobatik zählen mit den Beinen ausgeführte Jonglierakte (dengji 蹬技) unc das Balancieren eines Stapels Schüsseln oder Schalen (dingwan 頂碗) auf dem Kopf. Einen festen Platz im Repertoire haben auch jene Akrobaten, die sich als “Schlangenmenschen” durch Ringe schlängeln (zuanquan 鑽圈).

Die Akrobaten zählte man – wie “Jongleure, Seiltänzer, Feuerfresser, Schwertschlucker, Zauberkünstler (insbesondere mit Affen) usw.” zu den “vermischten Unterhaltungen” (zashua 雜耍).[7]

Den besonderen Reiz dieser Kunst machten die “Ortsunabhängigkeit, die niedrigen Kosten und die geringe Distanz zwischen Publikum und Akrobaten”[8] aus.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die chinesische Akrobatik dann auch international zum Begriff – man denke etwa an die in den 1980er Jahren von André Heller unter dem Titel “Begnadete Körper” organisierte Show.[9]:

Die Akrobatik hat heute nicht nur als selbständige Unterhaltungsform überlebt, sondern ist ganz wesentlicher Teil der Aufführungspraxis der erst sehr spät aufkommenden Pekinger Oper, die mit der Kulturrevolution (1966-1976) gleichsam zum Symbol für die einheimische chinesische Bühnenkunst avanciert ist.[10]

  1. Boye Lafayette De Mente: China’s Cultural Code Words (Lincolnwood, Ill., 1996), 462 f.
  2. Charles O. Hucker: A Dictionary of Official Titels in Imperial China (Stanford 1985) 388 (Nr.490).
  3. Huang Minghua: “The ‘Hundred Entertainments’. China’s 2,000-year-old tradition of acrobatics.” In: The Unesco Courier, January 1988, S. 8 f. Vgl. auch “The Acrobatic Team Show and Its Origins in the ‘Hundred Entertainments’”: http://web.archive.org/web/20050309180453/http://www.qiao.ca/tradition.htm.
  4. De Mente: China’s Cultural Code Words (1996), 462 f.
  5. Huang: ‘Hundred Entertainments’, 8.
  6. De Mente: China’s Cultural Code Words, 463.
  7. Wolfgang Franke (Hg.): China-Handbuch (Düsseldorf 1974) Sp. 1437 (“Unterhaltung”, Hu Chün-yin, Wolfgang Franke).
  8. Hochschule Ludwigshafen am Rhein/Ostasieninstitut: Ostasienlexikon, Stichwort “Akrobatik”
  9. Vgl. etwa Manfred Sack: “Möge diese Übung gelingen. Großmeister chinesischer Akrobatik unterwegs in der Bundesrepublik. André Hellers Show ‘Begnadete Körper’”. In: Die Zeit, Nr. 48, 22.11.1985, S. 59
  10. Wolfgang Kubin: Geschichte der chinesischen Literatur. Bd. 6: Das traditionelle chinesische Theater. Vom Mongolendrama bis zur Pekinger Oper (München 2009) 19.

Quelle: http://wenhua.hypotheses.org/1066

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