Religion im Wattenmeer: Beobachtungen zu Tourismus und Religion

Religion existiert nicht in strikter Trennung zu anderen gesellschaftlichen Bereichen. Das zeigen einige der Beiträge in diesem Blog (z. B. hier oder hier) sowie ein Blick in die aktuellen Debatten über die Rolle von Religionen in Politik, Gesellschaft und Populärkultur. Doch auch in weniger konfliktbehafteten Gefilden spielt Religiöses, vielleicht überraschenderweise, eine nicht unbeträchtliche Rolle: Zum Beispiel im nordfriesischen Tourismus.

Wo Wattenmeer draufsteht, ist auch Wattenmeer drin – sollte man meinen. Doch ein etwas genauerer Blick in den Veranstaltungskalender einer beliebten Nordseeinsel zeigt, dass da noch ganz andere Themen und Akteure – hier interessieren besonders die religiösen – mitspielen oder mitspielen wollen.

Religion im Tourismus?

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Quelle: http://marginalie.hypotheses.org/359

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“Geprägt haben mich vor allem die Menschen, die mir begegnet sind” – 5in10 mit Isabel Richter

Isabel Richter (Foto: privat)

Isabel Richter (Foto: privat)

Isabel Richter forscht derzeit als Research Fellow in the History of Migration am DHI Washington. Nachdem sie sich im Rahmen ihrer Promotion an der TU Berlin mit dem Wiederstand der Linken gegen die Nationalsozialisten beschäftigt hat, schrieb Richter ihre Habilitationsschrift zur Kulturgeschichte des Todes im „langen 19. Jahrhundert“ an der Universität Bochum. Seitdem arbeitete die Historikerin an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Universität Wien, in Göttingen, Bochum, Bielefeld und an der University of California in Los Angeles.

Zu Richters Forschungsinteressen gehören unter anderem die Europäische Kulturgeschichte des 18.–20. Jahrhunderts, Nationalsozialismus, Jugendkulturen im 20. Jahrhundert, Kulturanthropologie, Gendergeschichte und interdisziplinäre Genderstudien.

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Quelle: http://trafo.hypotheses.org/3903

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Über den Dingen: Eine Historikerin als Türmerin

Je nach Perspektive hat sie den „Job mit dem besten Ausblick der Welt“ (KarriereSPIEGEL) oder „Europas älteste Arbeitsstelle“ (BILD): Martje Saljé ist Türmerin von St. Lamberti in Münster. Die studierte Historikerin und Musikwissenschaftlerin ist dafür zuständig, allabendlich vom Kirchturm nach Bränden Ausschau zu halten und jede halbe Stunde ein Signal zu „tuten“. Zusätzlich füllt sie ihre geschichtsträchtige Position über Social Media und einen Blog mit neuem Leben. Martje Saljés Arbeitsalltag als Türmerin ist klar strukturiert: Jeden Abend (außer dienstags) macht sie sich an den … Über den Dingen: Eine Historikerin als Türmerin weiterlesen

Quelle: http://beruf.hypotheses.org/206

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Eine Kulturgeschichte des Tringelds. Der Rest ist für Sie!

http://sz.de/1.2105798 Warum bezahlt man Kellner und Friseure, obwohl man ihnen eigentlich gar nichts schuldet? Eine kleine Kulturgeschichte des Trinkgelds – von altgriechischen Prostituierten bis ins Bierzelt von heute.

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2014/08/5327/

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Die Abstracts sind online: Tourismusüberlieferung als historische Quelle

Einladung zum Workshop TourismusüberlieferungMittwoch, den 2. Juli 2014  findet im Plenarsaal des LWL-Landeshauses unser Workshop “Tourismusüberlieferung als historische Quelle –      Touristiker, Archive und Forschung im Diskurs”  statt. Programm und Einladung haben wir in diesem Blog bereits online gestellt.: http://archivamt.hypotheses.org/426

Jetzt kommen die Abstracts, die eine interessante und innovative Tagung versprechen. Wie immer wir es zum Workshop und den Beiträgen eine Publikation geben. Wir sind gespannt auf die Veranstaltung!

 

 

 

Tourismusüberlieferung als historische Quelle –      Touristiker, Archive und Forschung im Diskurs

 

Abstracts

 

 Dr. Matthias Frese (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster)

Historische Tourismusforschung: Bedeutung, Quellenlage, Forschungsperspektiven

 

Die Tourismusbranche ist seit etlichen Jahren trotz aller Krisen eine Boombranche. Die Reiseziele liegen dabei seit Anfang der 1970er-Jahre überwiegend im Ausland. Im Jahr 2013 machten die innerdeutschen Reisen aber immerhin ca. 37% aus mit wachsenden Übernachtungszahlen. Diese Reiseziele befinden sich seit den Anfängen statistischer Erhebungen vor allem in den Alpen/Bayern, an der Nord- und Ostsee und im Schwarzwald, aber auch in den Mittelgebirgen wie im Sauerland und im Teutoburger Wald.

Die Reisegebiete in Westfalen bzw. NRW decken damit sowohl Ferienurlaube für Familien (z.B. Urlaub auf dem Bauernhof) als auch Kurzurlaube ins Münsterland, an die Stauseen im Sauerland oder Städte-reisen nach Münster, Paderborn, Soest oder ins Ruhrgebiet ab. Ergänzt werden diese Erholungs- und Kurzurlaube durch Eventtourismus und spezielle Veranstaltungen wie z.B. zur Industriekultur. Vor allem beim „Zweiturlaub“ aber auch bei den insgesamt kürzeren Erholungsurlauben (Durchschnitt 2013: 13 Tage) werden Stadt- und Landtourismus häufig kombiniert.

In Westfalen setzte der moderne Tourismus in die Kurbäder und in die Sommerfrischen wie in den meisten anderen Regionen sehr verhalten erst im 19. Jahrhundert ein, erlebte einen ersten Schub im späten 19. und frühen 20.Jahrhundert (vor 1914) und kam dann ab Mitte der 1920er-Jahre in Schwung. Diese Entwicklung wurde gefördert durch verbesserte Reisemöglichkeiten, durch die Veröffentlichung von Reiseführern, durch die seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden Verschönerungs- und Wandervereine, schließlich durch die Herausbildung einer touristischen Infrastruktur. Vor allem seit Anfang des 20.Jahrhunderts wurden zudem in rascher Folge Reiseorganisationen in Form von lokalen Verkehrsämtern und -vereinen, regionalen Verkehrsverbänden und schließlich kommerzielle Reisebüros und Reiseveranstalter gegründet. Insgesamt blickt der Tourismus (als Form des organisierten Reisens breiter Bevölkerungsgruppen) in Westfalen auf eine vergleichsweise kurze Geschichte zurück. Vorreiter waren hier Entwicklungen in England, in der Schweiz, aber auch im Rheinland.

Die historische Forschung hat diese moderne Form des Reisens lange Zeit wenig beachtet. Noch bis in die 1970er-Jahre liegen vor allem geographische, volkskundliche, soziologische und wirtschaftwissenschaftliche Untersuchungen zum Tourismus vor. Sozial-, wirtschafts- und kulturhistorische Fragestellungen greifen vermehrt erst seit den 1980er/1990er-Jahren tourismusgeschichtliche Themen auf. Es überwiegen dabei lokal- und regionalhistorische Zugangsweisen. Noch unlängst wurde die historische Forschung zum Tourismus aber als „Mauerblümchen“ tituliert oder als „Liliputaner“ im Vergleich zur immensen wirtschaftlichen Bedeutung der Tourismusbranche.

Der Vortrag skizziert – bezogen auf Westfalen – die historische Ausgangslage für den modernen Tourismus und beschreibt einige vorrangige Forschungsfelder. Im zweiten Teil werden in einem Überblick verschiedene Quellenbestände vorgestellt und Problemfelder und Desiderate für (zeit)historische Forschungen behandelt, so beispielsweise zur Überlieferung der Verkehrsvereine, der Reisebüros und Reiseveranstalter, aber auch der Urlauber und Reisenden. Hieraus folgend werden im dritten Teil schließlich einige Forschungsperspektiven entwickelt und die Notwendigkeit vermehrter regionaler Vergleichsstudien betont.

Jens Nieweg / Christian Stühring (Tourismus NRW e.V., Düsseldorf)

Zentral – regional – lokal: Institutionelle Tourismusförderung in NRW –

Organisationsstrukturen und Vernetzung

 

Der Tourismus NRW e.V. als Dachverband der nordrhein-westfälischen Tourismuswirtschaft versteht sich als Kompetenz-Zentrum für die Branche. Er hat das Ziel, den Tourismus-Standort Nordrhein-Westfalen weiter zu stärken. Das bevölkerungsreichste Bundesland ist mit rund 20 Millionen Gästen   im Jahr bereits jetzt das zweitbeliebteste Reiseziel in Deutschland. Mit einem Bruttoumsatz von gut 30 Milliarden Euro sichert die Tourismusbranche rund 630.000 Arbeitsplätze in NRW.

Zu den Aufgaben des Verbandes gehören die Beratung seiner Mitglieder in allen touristischen Fragen, insbesondere Unterstützung der Regionen und Orte und der privatwirtschaftlichen Anbieter touristischer Leistungen, z.B. in Fragen des Qualitätsmanagements, der Innovationsförderung, der Profilierung durch Themenmarketing und bei Messeauftritten.

Weitere Aufgabengebiete wie die Marktforschung und das Landesmarketing tragen dazu bei, die Vernetzung der nordrhein-westfälischen Orts-, Regions- und Landesebene zu intensivieren. Gemeinsame Förderprojekte sowie der regelmäßige Austausch in Fachgremien zeichnen diese Zusammenarbeit ebenso aus wie der gemeinsame Aufbau einer Identität für die Tourismusdestination Nordrhein-Westfalen auf Basis und zur Stärkung der regionalen Tourismusprofile.

Thomas Weber (Sauerland-Tourismus e.V., Schmallenberg)

Aufgaben regionaler Tourismusverbände und deren Überlieferung –

Beispiel Sauerland-Tourismus

Aufgaben – Partner – Finanzierung

  • Organisationsaufbau
  • Federführende flächige Aufgaben / Projektbüros
    • WanderWerkstatt
    • RadWerkstatt
    • Präventionswerkstatt
    • Welche Unterlagen entstehen? u.a.
      • Plakate von Ausstellungen und Veranstaltungen
      • Einzeldruckerzeugnisse und Periodika
      • Bilderserien, Videos, Clips
      • Verzeichnisse, Verträge, Karten
      • Presseberichte, Mitschnitte
      • Souvenirs und Einzelstücke
      • Worin bestehen die Defizite?
        • Zahlreiche touristische Organisationen und Ehrenamtsinstitutionen – Wer archiviert?
        • Welche Unterlagen haben über die Aufgabenerledigung hinaus historischen Wert?
        • Problemanalyse
          • Was passiert, wenn nichts passiert?
          • Was würde uns fehlen?
          • Wann merken nachfolgende Generationen, dass etwas Wesentliches aus der Kultur des Landes unwiederbringlich weg ist?
          • Lösungsidee: Es gibt ein abgestimmtes, verbindliches System zur Archivierung touristischer Unterlagen in Westfalen.
          • Lösungsweg: kostenschlank – effizient – nachhaltig – dauerhaft?!

 

Dr. Bärbel Sunderbrink (Stadtarchiv Detmold)

Im Schatten des Hermannsdenkmals. Bedeutung und Überlieferung des Detmolder Fremdenverkehrs

 

Detmold war spätestens mit dem Bau des Hermannsdenkmal ein bedeutender Anziehungspunkt für Reisende. Nicht nur Erholungssuche im Teutoburger Wald war deren Intention, sondern sie verbanden ihren Besuch vielfach mit nationaler Selbstvergewisserung im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit dem Denkmal. Die Quellen des Stadtarchivs dokumentieren ein bis in die Nachkriegszeit hinein stetiges Interesse an einer Fahrt ins Lipperland, das abhängig von den politischen Verhältnissen mit je anderen Inhalten gefüllt wurde. Aufgrund der Popularität des Ortes sind neben amtlichen Quellen und Dokumenten der örtlichen Akteure des Fremdenverkehrs auch private Überlieferungen für die Geschichte des Detmolder Fremdenverkehrs von besonderem Belang.

 

Reinhard Gämlich (Stadtarchiv Hilchenbach)

Fremdenverkehr in Hilchenbach und seine Überlieferung im Stadtarchiv

Mit der Gründung des Schlossberg-Verschönerungsvereins 1885, in Anlehnung an die 1255 erstmals erwähnte und 1292 namentlich als „Ginsberg“ genannt Burg, begann die Geschichte des Fremdenverkehrs in Hilchen-bach. 1902 wurde der „Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs in Hilchenbach und Umgegend“ gegründet, und durch umfangreiche Bemühungen konnte der Fremdenverkehr gesteigert werden, verbunden mit der Anerkennung als Luftkurort bis 1976. Reizvolle Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel der Marktplatz mit seinen historischen Fachwerkhäusern, der Kirche sowie der Wilhelmsburg, locken viele Besucher nach Hilchenbach.

Der Abschluss eines Leihvertrages mit dem Hilchenbacher Verkehrs- und Verschönerungsverein am 22. Januar 1990 und die Übergabe der Akten sind Grundlage für viele Archivforschungen. Nachweise im Findbuch des Stadtarchivs bilden eine weitere Quelle. Forschungsmöglichkeiten konnten somit geschaffen werden.

Kontakte zum heutigen Tourismus- und Kneippverein Hilchenbach e.V. und Überzeugungsarbeit zur Abgabe von Akten an das Stadtarchiv bilden eine weitere Grundlage des Vortrages. Auf Überlieferungslücken und wie diese geschlossen werden können, wird verwiesen.

 

Dr. Ralf Springer (LWL-Medienzentrum für Westfalen, Münster)

Die Bedeutung von Filmquellen für die Tourismusforschung am Beispiel der

Überlieferung des LWL-Medienzentrums für Westfalen

Filmische Stadt- und Landschaftsporträts als Mittel der touristischen Werbung sind fast so alt wie das Filmgeschäft selbst. Auch für Westfalen ist eine – regional unterschiedlich – dichte Filmproduktion für dieses Genre seit den 1910er-Jahren nachweisbar, obschon diese frühen Filmquellen zumeist nicht erhalten sind. Mit Entstehung und Professionalisierung der Fremdenverkehrsbüros stieg die Zahl und Qualität der Filmporträts, und auch mit der Überlieferung wird es besser: Im Filmarchiv des LWL-Medienzentrums lagern heute filmische Zeugnisse von den 1920er- bis in die 1980er-Jahre, in denen Orte, Städte, Regionen und die ganze Landschaft porträtiert werden. Dabei stehen aufwendig gestaltete Filme neben recht schlichten Werken, und selbst einfache Amateuraufnahmen können Quellen zur

Tourismusforschung darstellen. Der Beitrag will anhand von Beispielen aus dem umfangreichen Archivbestand einen Einblick in die breite Palette von touristischen Werbefilmen geben und dabei auf die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der ausgewählten Filmbeispiele eingehen.

Anette Gebauer-Berlinghof und Julia Emmy Rains (LAV NRW, Abt. Rheinland, Duisburg)

Amtliche und nichtamtliche Quellen in staatlichen Archiven am Beispiel des

Landesarchivs NRW

Im ersten Teil des Vortrags liegt das Augenmerk auf den Dokumenten des Landesarchivs NRW zu Tourismus, Reisen und Fremdenverkehr ab der Mitte des 17. Jahrhunderts bis in die jüngere Vergangenheit. Das tourismusgeschichtliche Potenzial für die Forschung und die Tourismusbranche der amtlichen Unterlagen sowie der nichtamtlichen Quellen als Ergänzungs- und Parallelüberlieferung steht dabei im Mittelpunkt. Archivgut unterschiedlicher Provenienzen wird thematisiert und Anregungen zur Nutzung gegeben. Welche Quellen verwahrt das Landesarchiv etwa zu Verkehrsverbänden und -vereinen, zur Vermarktung einzelner Regionen als Reiseziele, zur Balance zwischen Natur- und Landschaftsschutz und touristischen Angeboten? Veranschaulichend werden Beispiele aus den drei Regionalabteilungen in Rheinland, Westfalen und Ostwestfalen-Lippe vorgestellt.

Der zweite Teil des Vortrags zeigt Perspektiven der Überlieferungsbildung des Landesarchivs NRW in Bezug auf die Tourismusgeschichte auf. Hierzu werden sowohl das amtliche Schriftgut der Ministerien, Behörden, Einrichtungen und Landesbetriebe als auch das Überlieferungsprofil für nichtamtliches und nichtstaatliches Archivgut in den Blick genommen. Es wird der Frage nachgegangen, wie aussagekräftiges Material über den Tourismus in Nordrhein-Westfalen mit seinen verschiedenen Facetten für die Zukunft gesichert werden kann.

 

Quelle: http://archivamt.hypotheses.org/830

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„Creating Rurality from Below“

 

Ich hatte es vor einiger Zeit schon mal erwähnt: Am vergangenen Wochenende fand in Bamberg eine interdisziplinäre und internationale Tagung statt, organisiert von Marc Redepenning, Julia Rössel und Christoph Baumann, alle drei Sozial- und KulturgeographInnen.

Tagungsposter; http://www.blogs.uni-mainz.de/fb09cultural-geography/events-and-conferences/rurality-new-perspectives-and-themes/; alle Rechte dort.http://www.blogs.uni-mainz.de/fb09cultural-geography/events-and-conferences/rurality-new-perspectives-and-themes/

Diskutiert wurde, wie man mit einem relationalen Verständnis von Ländlichkeit diese diskutieren und analysieren kann. Ich war eingeladen und durfte netterweise erste Überlegungen zu einem Kapitel meiner Habilitation zu den „Übergangsgesellschaften“ vorstellen.

Die Tagung war für mich sehr interessant und in vielerlei Hinsicht anregend. Nicht nur, dass ich sehr nette Menschen kennengelernt und interessante Gespräche geführt habe, ich habe auch einen ganzen Haufen methodischer und theoretischer Anregungen bekommen und war ganz überrascht von dem Werkzeugkoffer, mit dem manche Geograph/innen so unterwegs sind – sehr beeindruckend! Dass darüber hinaus mein Vortrag gut angekommen ist, ist natürlich ganz besonders toll und gibt mir einen kräftigen Motivationsschub!

Im Folgenden gebe ich nun eine Kurzfassung meines Vortrages wieder; wer an einer ausführlicheren Fassung interessiert ist: Ich bin dabei, einen Aufsatz daraus zu machen und werde selbstverständlich Bescheid geben, wenn er irgendwo erscheint.

 

„Ländlichkeit“ ist ein Konzept, das in der Geschichtswissenschaft in der Regel nur vermittelt eine Rolle spielt. Untersucht die Geschichtswissenschaft agrarische Gesellschaften, wird in der Regel das Charakteristikum „Ländlichkeit“ als Kennzeichen der untersuchten Gesellschaft vorausgesetzt, nicht aber selbst zu einem Gegenstand der Untersuchung gemacht. Untersucht man jedoch – und das ist in der Vergangenheit bereits ausgiebig unternommen worden – die Konstruktion von Ländlichkeit, so rücken vor allem bürgerliche, städtische Akteure in den Blick, etwa die „Agrarromantiker“, von denen Bergmann 1971 schrieb. Ländlichen Gesellschaften selbst schienen von diesen Ländlichkeitskonstruktionen weitestgehend unberührt zu sein; sie existierten quasi in einer anderen Sphäre.

Ich habe im Rahmen des Vortrags diese Forschungen insofern erweitert, als dass ich ländliche Gesellschaften als „Kontaktzonen“ in bestimmten Prozessen sichtbar mache. Kontaktzone – das ist ein Konzept, das vor allem in der post-kolonialen Forschung zu Globalisierungsprozessen eine Rolle spielt und erst langsam, vor allem vermittelt über Emily Rosenberg, seinen Weg in die Geschichtswissenschaft findet. Kontaktzonen sind in diesem Zusammenhang soziale Räume, die durch die Konfrontation und den Kontakt heterogener Interessen bestimmt sind, vor allem aber durch Hierarchien, Machtverhältnisse und die unterschiedliche Verteilung von Handlungsspielräumen gekennzeichnet sind. So kann man auch ländliche Gesellschaften als Kontaktzonen der Konstruktion von Ländlichkeit sichtbar machen.

In zwei Schritten bin ich anschließend diesem Konstruktionsprozess vor Ort, am Beispiel von Bernried, nachgegangen: am Beispiel von Heimatschutz-Gesetzgebung und der Förderung des Tourismus. Bernried eignet sich hervorragend für die Analyse dieser Beispiele – oder andersrum: Die Beispiele sind abgeleitet vom Bernrieder Fall, sicherlich wären auch andere Situationen denkbar, in denen Ländlichkeitskonstruktionen sichtbar gemacht werden könnten. Aber Bernried als früher Sommerfrische-Ort und Sinnbild eines (vermeintlich) unberührten oberbayerischen Dorfes im Voralpenland zeigt genau an diesen Stellen, wo Kontakte über die Dorfgrenzen hinaus bestehen, die exemplarisch analysiert werden können.

1. Zu diesem ersten Abschnitt habe ich bereits einen kurzen Text geschrieben. Wenn man den Maßnahmen zur Pflege heimischer Bauweise genauer nachgeht, stellt man schnell fest, dass diese zunächst (mindestens im Zeitraum bis zum Ersten Weltkrieg) vor Ort keine Relevanz hatten – oder anders gesagt: Es gab keine Baugenehmigungen, die ausgehend von der Heimatschutzgesetzgebung zum Schutz heimischer Bauweise nicht genehmigt oder nur unter Auflagen genehmigt worden wären. Aber sichtbar wird auch: Gebaut haben in Bernried in dieser Periode fast nur Städter – vor allem Angehörige des Bürgertums (vermute ich; fast alle von ihnen trugen Doktortitel), und zwar vor allem repräsentative Sommervillen, die sich ziemlich stark von der örtlichen Bauweise unterschieden. Und in der Regel waren das Entwürfe, die von einem orthodoxen Heimatschützer sofort kassiert worden wären – historizistischer Stilmix aus Folklore und Türmchen und Erkerchen. Es passierte aber nichts. Was kann man daraus schließen?

Entweder geht man davon aus: Okay, Heimatschutzgesetzgebung hat keinen Effekt, sie versandet irgendwo auf dem Weg von oben nach unten. Oder aber man fragt sich: Warum hat denn die Gemeindeverwaltung, die zuständig gewesen wäre für die Einhaltung der ortspolizeilichen Vorschriften, nicht interveniert? Dann wird das Nicht-Intervenieren zu einer aktiven Handlung, die mit bestimmten Motivlagen verknüpft sein könnte: etwa der Abwägung von monetären Interessen der Gemeinde (neue Grundsteuer-Zahler) mit ideellen (Heimatschutz); oder aber auch das bewusste Ignorieren von Heimatschutzvorstellungen, die den eigenen widersprechen (auch hierfür gibt es Hinweise). Wichtig ist also: Anhand der Heimatschutz-Gesetzgebung und ihrer (Nicht-)Umsetzung kann analysiert werden, dass die Möglichkeiten, das architektonische Bild des Dorfes zu beeinflussen, sehr ungleich verteilt waren. Die Heimatschutz-Propheten waren nicht besonders erfolgreich. Wie „erfolgreich“ oder nicht hingegen die örtlichen Akteure waren, findet man nur heraus, wenn man ihre Zielsetzungen kennt. Und es scheint zumindest möglich, dass sie – gemessen etwa an der Zielsetzung, möglichst viele Steuerzahler nach Bernried zu holen und diese nicht etwa mit irgendwelchen Bauordnungen zu verschrecken – durchaus erfolgreich waren.

2. Beinahe gleichzeitig mit der Implementierung der Heimatschutzgesetzgebung begann man in Bernried damit, den Ort für Touristen attraktiver zu machen. Zwar war Bernried auch schon vor der Wende zum 20. Jahrhundert ein Ort gewesen, an dem der eine oder andere prominente Münchner seine Sommerfrische verbracht hatte, schien es doch den örtlichen Verantwortlichen sinnvoll zu sein, einen Verein zu gründen, um Bernried attraktiver zu machen. Der „Dorfverschönerungsverein“ hatte es sich vor allem zur Aufgabe gemacht, Fußwege im Ortsbereich anzulegen, Baumalleen und schattige Wälder zu pflanzen sowie Parkbänke aufzustellen. Ganz offensichtlich war es also das zentrale Anliegen des Vereins, Bernried zu einem attraktiven Ort für eine zutiefst bürgerliche und touristische Aktivität zu machen: für den Spaziergang. Der erste Ansatz war, eine Promenade am Seeufer anzulegen. Dass dies letztlich am Widerstand des örtlichen Gutsbesitzers scheiterte, ist eine komplizierte Geschichte – offenbar befürchtete dieser, sein ländliches Gut werde an Wert verlieren, wenn ein öffentlicher Spazierweg darüber führte. Auch hier also waren die Chancen zur Gestaltung des Dorfes unterschiedlich verteilt; interessant erscheint darüber hinaus, dass der örtliche Verschönerungsverein nicht das architektonische (oder Kultur-)Bild des Ortes zu konservieren versuchte, sondern vor allem die „natürlichen“ Voraussetzungen des Ortes – die Naturnähe, den Ausblick etc. – durch Baumaßnahmen besonders hervortreten lassen wollte. Ländlichkeit wurde hier also vor allem über Natürlichkeit zu konstruieren versucht.

Es wird klar, dass man auch auf der Mikroebene die Herausbildung von Ländlichkeit beobachten kann – und sollte. Die Herausbildung war aber weder einfach durch städtische Akteure determiniert noch von den ländlichen Akteuren komplett steuerbar. Die Möglichkeiten, Ländlichkeit aktiv zu konstruieren und dauerhaft im Ortsbild zu verankern, waren sehr ungleich verteilt. Eine Analyse der „Kontaktzone Dorf“ nimmt also diese unterschiedlichen Vorstellungen und Verwirklichungschancen in den Blick, ohne bereits davon auszugehen, dass am Ende die „städtischen“, weil mit mehr Machtmitteln ausgestatteten Akteure als „Sieger“ aus der Schlacht hervorgingen. Zudem wurde sichtbar, dass nicht alle Formen der Ländlichkeits-Konstruktion schlichte Romantisierungen des Landlebens waren, sondern dass darüber hinaus auch eine instrumentelle Variante bedacht werden muss. Ein Beispiel ist die „ländliche Natürlichkeit“, die der Dorfverschönerungsverein forcierte, und die zumindest zu einem Gutteil dazu dienen sollte, Touristen nach Bernried zu holen.

 

 

Quelle: http://uegg.hypotheses.org/227

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13. Der Erzengel Michael oder die Erlösung der Geschichte

Mont St Michel IIBaguette mit „Pommes rot-weiß“

Es ist August. Urlaubsmonat. Die Touristenströme strömen. Ich ströme mit.

Im Urlaub steht Geschichte hoch im Kurs. Die Reise in andere Weltgegenden wird preisbewusst mit einer Reise in die Vergangenheit verbunden. Der Tourismus erfasst nicht nur sämtliche zur Verfügung stehenden Räume, sondern dringt auch in alle vermarktbaren Zeiten vor. In diesen Wochen werden die geschichtsträchtigen Orte in noch größerem Maße heimgesucht als sonst schon.

Diesmal trifft es den Mont Saint Michel. Er wird von mir besucht, betrachtet, bestiegen, fotografiert. Eigentlich wird er von mir erobert. Von mir und Millionen anderen. Die Massen, die sich dort zusammenfinden, sind beeindruckend. Hat sich aber auch tatsächlich ein hervorragendes Plätzchen ausgesucht, der Mont Saint Michel. Inmitten einer Bucht, die ebenfalls nach ihm benannt ist, hat man den Felsen ständig im Blick, wenn man auf das Meer sieht. Malerisch ragt er gen Himmel. Ein kompakter Felsen, der sich mit zunehmender Höhe in Stadtmauern, Häuser, das Kloster und schließlich die Statue des Erzengels Michael an der Spitze verwandelt. Kein Tourismusmanager hätte einen besseren Ort für eine publikumswirksame Attraktion aussuchen können. Und das hat er nun davon, der heilige Felsen. Einmaliger Ort, einmalige Lage, einmalige Architektur, einmalig erhalten. Da muss man doch mindestens einmal gewesen sein. Denken sich viele.

Jedes Jahr besuchen etwa 3,5 Millionen Menschen den Mont Saint Michel. Wenn man dort ist, könnte man meinen, sie kommen alle an einem Tag. Es ist voll. Alles ist voll. Ist auch kein Wunder, denn erstmals besiedelt wurde der Berg im 8. Jahrhundert, in den folgenden Jahrhunderten wurde umgebaut und erweitert. Aber ausgelegt auf mittelalterliche Lebensverhältnisse, muss der Berg unter Bedingungen des Massentourismus aus allen Nähten platzen. Bis man zur Felseninsel durchgedrungen ist, dominiert allerdings unübersehbar das 21. Jahrhundert. Die Abfertigung der Besucherströme ist vorbildlich. Vom riesigen Parkplatz, der die Fläche einer Dorfs einnimmt, wird man umgeleitet in einen niemals abreißenden Strom von Bussen, die im Minutentakt die Besucher zum Berg fahren. Auf dem Weg dorthin durchquert man ein weiteres dorfgroßes Areal mit Supermärkten, Hotels, Gift-Shops und vielen anderen Angeboten, die man nicht braucht, auf jeden Fall nicht an einem Ort wie diesem. Ist man endlich angekommen und hat sich mit tausenden anderen durch das Stadttor gequält, können einen Zweifel überkommen, ob das hier wirklich altes Gemäuer oder nicht doch eine Dependance des Pariser Disney-Parks ist. Hinter all den sonnencremebedeckten Menschen, den Crêperien, den Eisläden und Imbissbuden, in denen – Höhepunkt der Widerwärtigkeit – tatsächlich Baguette mit einer Füllung „Pommes rot-weiß“ verkauft werden, verschwimmt der Ort zu einer gräulichen Hintergrundkulisse. Man kann gar nichts mehr sehen, weil man so viel gucken muss. Und ich mache mit, mittendrin.

Die meistfotografierte Scheune

All das kennt man dem Grundsatz nach zur Genüge. Die Tourismuskritik ist nahezu so alt wie der Tourismus selbst. Das kann keinen mehr hinterm Ofen hervorlocken. Hans Magnus Enzensberger hat in seiner immer noch lesenswerten „Theorie des Tourismus“ aus dem Jahr 1958 das Wesentliche dazu gesagt: das Elitäre an der Tourismuskritik und das Vergebliche an der touristischen Flucht, die aus Industrialisierung und Moderne herausführen soll, tatsächlich aber nur immer tiefer hineinführt – diese Thesen dürfen auch heute noch Gültigkeit beanspruchen. [1]

Das enthebt uns aber nicht der Frage: Warum macht man so etwas? Warum fahre ich zum Mont Saint Michel? Weil alle dort hinfahren? Weil das ungeschriebene Gesetz des Tourismus besagt, dass man selbst noch gesehen haben muss, was alle anderen bereits gesehen haben? Weil die touristische Praxis einem tautologischen Prinzip unterliegt – man macht es eben, weil man es macht?

In dem Roman „Weißes Rauschen“ von Don DeLillo gibt es die Episode von der meistfotografierten Scheune Amerikas, die nur deswegen so oft fotografiert wird, weil sie so oft fotografiert wird. Das ist alles. Aber aus eben diesem Nichts gelingt es dem Tourismus, etwas zu machen: „Wir sind nicht hier, um ein Bild einzufangen, wir sind hier, um eines aufrechtzuerhalten. […] Wir haben eingewilligt, Teil einer kollektiven Wahrnehmung zu sein. […] Eine religiöse Erfahrung gewissermaßen, wie aller Tourismus.“ Denn was die Besucher der Scheune machen, ist nicht die Scheune selbst zu fotografieren: „Sie fotografieren das Fotografieren.“ [2]

Und was hat das nun mit unserem Umgang mit Geschichte zu tun? Valentin Groebner hat vor kurzem ein Plädoyer veröffentlicht, das den Tourismus als eine enorm wirkmächtige Form der Geschichtsproduktion ernst nehmen will. [3] Ich würde ihm in dieser Einschätzung grundsätzlich folgen, nicht zuletzt aufgrund geschichtstheoretischer Erwägungen. Allein wegen der eindrücklichen Zahlen, welche die Branche für den Besuch historischer Stätten vorlegen kann, muss man den Tourismus als eine unübersehbar wichtige Form ansehen, wie Kulturen der Gegenwart sich ihre Geschichte machen. Aber selbst unter Absehung seiner quantitativen und ökonomischen Bedeutung ist der Tourismus eine zentrale Art und Weise, Relationen zwischen einer Gegenwart und ihren Vergangenheiten herzustellen.

Touristische Vergangenheitszerstörung

Aber Tourismus ist nicht gleich Tourismus. Denn wie jede kapitalistische Aneignungsform im Rahmen einer expansiven Moderne nimmt auch der Tourismus unübersehbar destruktive Formen an. Die Zerstörung kann sich auf sehr konkrete, physische Weise äußern, wie im Fall Venedigs oder beim Schutz von Gemälden in völlig überfüllten Museen wie dem Pariser Louvre: Orte und Objekte, die vor den Zudringlichkeiten ihrer Besucher geschützt werden müssen. Es kann aber auch zu einer Form der Vergangenheitszerstörung kommen, die dem Ort oder dem Objekt jede Form der zeitlichen Distanz entzieht. Touristische (und mithin wirtschaftliche) Interessen überformen Orte wie den Mont Saint Michel derart, dass vom Historischen nichts mehr übrig bleibt. Ist das Gemäuer wirklich alt, oder ist es nur gut gemachte Kulisse? Diese Frage interessiert gar nicht mehr, denn in beiden Fällen geht es darum, einerseits etwas zu verkaufen, andererseits das Häkchen anzubringen an der unvermeidlichen Liste der Dinge, die man unbedingt gesehen haben muss.

Daher ein gänzlich utopischer, aber ernst gemeinter Vorschlag: Erlösen wir diese Orte von den Zumutungen einer touristisch expansiven Moderne. Überlassen wir sie sich selbst. Verhindern wir, dass sich diese Moderne – die wir selbst sind – in ihrer unglaublichen Fressgier eines bestimmten, nämlich des touristisch verwertbaren Teils der Vergangenheit bemächtigt und diesen bis zur Unkenntlichkeit aussaugt. Retten wir eine Vergangenheit, der in diesem Spiel kaum noch eine Rolle zukommt, die vor allem als Kulisse dient, um mehr unappetitliche Baguettes zu verkaufen.

Ich habe den Mont Saint Michel in den folgenden Tagen noch oft gesehen. Immer aus der Ferne. Mit einigen Kilometern Abstand konnte ich mich der Illusion hingeben, die Utopie sei schon Wirklichkeit geworden. Der Erzengel Michael schien den endzeitlichen Kampf gegen den Satan namens Massentourismus gewonnen zu haben. Sah sehr schön aus, wie der Fels dort in der Bucht lag, mal im Watt, mal vom Wasser umspült. Denn Menschen konnte man auf die Distanz gar nicht mehr erkennen.

[1] Hans Magnus Enzensberger: Theorie des Tourismus (1958), in: ders.: Einzelheiten I & II, Hamburg 2006, 177-202

[2] Don DeLillo: Weißes Rauschen, Reinbek bei Hamburg 1997, 24.

[3] Valentin Groebner: Touristischer Geschichtsgebrauch. Über einige Merkmale neuer Vergangenheiten im 20. und 21. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift 296 (2013) 408-428


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Quelle: https://achimlandwehr.wordpress.com/2013/10/11/13-der-erzengel-michael-oder-die-erlosung-der-geschichte/

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